"Nichts verstanden"
Eine kabarettistische Verständnislosigkeit von und mit: Lars Johansen, Ernst-Ulrich Kreschel und Sabine Münz
Texte: Lars Johansen und Ernst-Ulrich Kreschel
Musik: Ernst-Ulrich Kreschel
Regie: Elke Schneider
Es gab eine Zeit, da hat man noch miteinander geredet. Und man hat sich sogar manchmal verstanden. Aber dann wurde aus dem Gespräch der Talk, aus dem kurzen Gespräch der Smalltalk und aus einem Telefongespräch ein Call. Daraus entstand das Callcenter, in dem alle Fragen so lange weiter geleitet wurden, bis man glaubte, dass man eine Antwort bekommen hätte. Und spätestens da begann man, nicht mehr so richtig zu verstehen.
Dann wurde gesimst. Manchmal schickten sich sogar Menschen, die einander direkt gegenüber saßen, eine SMS, weil das schneller ging als ein Gespräch. Manchmal war es sogar billiger, weil sie eine Flatrate hatten. So sparte man sich die Sprache für besondere Momente auf.
Aber statt zu sprechen, wurde plötzlich gezwitschert oder, wie der Engländer sagt: „Twitter“. Twittern bedeutet, dass man alles, was man gerade tut oder sieht oder tun oder sehen will, der ganzen Welt sofort via Computer mitteilt.
Die Gesichter der anderen Menschen sieht man nicht mehr direkt an, sondern nur noch in einem Gesichtsbuch oder, wie der Engländer sagt: „Facebook“. Das ist aber eigentlich kein Buch, obwohl man da alles lesen kann, was man sonst mit anderen besprochen hätte, sondern ein soziales Netzwerk. Früher waren das Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn und Verwandte, heute sind das „Facebook-Freunde“. Von denen weiß man zwar nicht, ob es sie überhaupt gibt und wer sie in Wirklichkeit sind, aber sie haben immer etwas zu twittern und zu bloggen oder, wie der Deutsche sagt: Sie brabbeln.
Und so brabbelt heute jeder vor sich hin und hofft, dass er verstanden wird von seinen „Freunden“. Früher hätte man so etwas verrückt genannt. Heute ist es ganz normal, dass man nur noch hofft, verstanden zu werden. Denn man wird es ja nicht mehr. Politiker verstehen das Volk nicht, Männer Frauen, Taube Blinde, Linke Rechte und natürlich umgekehrt.
Und wenn am Ende die schwarzgelbe Berliner Bienenkoalition mit Westerwilli und Maja Merkel versucht, uns ihre Reformen als Honig zu verkaufen, spätestens dann haben alle: Nichts verstanden.